DV Ketzereien

Über das Buch "Log Out - Warum Computer nichts im Klassenzimmer zu suchen haben und andere High-Tech-Ketzereien" von Clifford Stoll



Das Buch ist im Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main, in der deutschen Übersetzung erschienen. ISBN 3-10-040220-0, DM 29,90
Im Moment lese ich dieses Buch noch. Diese Seite befindet sich daher noch im Aufbau. Hier werden Zitate aus dem Buch von mir, mit meiner Meinung kommentiert.
Zunächst werde ich hier einige Zitate auflisten. Die Kommentare dazu folgen sukzessive in regelmäßigen Abständen:

1. Kapitel - "Warum Computer nichts im Klassenzimmer zu suchen haben"

2. Kapitel - "Was noch alles gegen Computer zu sagen ist"


1. Kapitel: "Warum Computer nichts im Klassenzimmer zu suchen haben"

Was bringt größere Vorteile im Berufsleben: langjährige Computererfahrung bis zur Beherrschung einer Programmiersprache oder fließend Japanisch, Englisch, Französisch oder Chinesisch sprechen können? Was ist die bessere Voraussetzungen für ein glückliches Leben: eine Kindheit mit Nintendo und Computerspielen oder eine mit Wandern und Radfahren?

Wollen wir ein Volk von Idioten? Man müßte dazu nur die Lehrpläne technologisch ausrichten und den Unterricht mit Videos, Computern und Multimedia Produkten gestalten. Das Lernziel wäre dann, bei Standardtests hervorragend abzuschneiden. Alles, was für den späteren Job wenig abwirft -Musik, Kunst, Geschichte- fällt weg. ein Volk von Idioten wäre das Ergebnis.

Weil man so viel Wert auf "professionelle" Arbeiten legt, meint jeder Schüler, daß die Wahl der Schrifttypen und das Design wichtiger sind als die Inhalte. Kinder, die nur Bleistifte haben, fühlen sich zurückgesetzt und gelten als altmodisch, verglichen mit den anderen, die ihre Texte mit dem Computer gestalten.

Man kann sehr leicht den geübten Umgang mit Computern mit Intelligenz verwechseln, aber ein Computer-Profi zu sein heißt noch lange nicht, daß man klug ist.

Das Programmierte Lernen erwies sich jedoch als Flop. Ddie Maschine brachte die Kinder nur dazu, ganz mechanisch die Antworten zu lernen, die das Programm stellte. Für Neugier, Kreativität, neue Einfälle oder Improvisation war kein Platz. Aufblinkende Lämpchen konnten den Ansporn durch einen Lehrer nicht ersetzen.

Wenn Anhänger des technologischen Fortschritts mit pädagogischen oder sozialen Problemen konfrontiert werden, suchen sie zuerst im Internet. Für andere Lösungen sind sie blind - etwa eine bessere Unterstützung der Lehrer, bessere Unterrichtsbedingungen, strengere Disziplin in den Schulen, geeignetere Lehrpläne oder überarbeitete Lernziele. Die Besessenheit, Computer einzusetzen, beeinflußt auch das Leben in den Gemeinden. Es gibt keinen Grund mehr die Bücherei zu verbessern, eine Krankenstation einzurichten oder städtische Schulen zu gründen: Es genügt für den Internetzugang zu sorgen.

Ein gut geschriebenes Schulbuch kann man 10 Jahre lang benutzen - ein schlechtes sollte gar nicht erst in die Hand der Schüler gelangen. Für Web-Sites und Computerprogramme ist das anders: Selbst die beste Software braucht regelmäßige Updates. Miese Programme und lausige Web-Sites finden hinter dem Rücken der Netzverwalter ihren Weg zu den Schülern.

Wenn ein Lehrbuch einmal gekauft ist, braucht man für seinen "Unterhalt" keinen Pfennig. Lässt ein Teenager ein Buch fallen, so funktioniert es danach immer noch. Trampelt ein Zehnjähriger auf einem Geschichtstext herum, so braucht man kein neues Modul für 100 Dollar. Wer wird denn einen Wandschrank aufbrechen, um ein Englischbuch zu stehlen?

Was früher dreißig Sekunden gedauert hat, dafür verschwendet man jetzt fünf Minuten - wenn alles gut geht! Eines Morgens konnte ein Schüler Windows nicht starten, weil der Computer einen Virus hatte. Diese Unterbrechung kostete die Klasse weitere zehn Minuten.

Für Rechner und Computer sind alle Fehler trivial: Wenn ein Schüler eine falsche Antwort bekommt, wird er den Fehler typischerweise mit "Oh, da hab ich wohl die falsche Taste gedrückt" abtun, statt zu versuchen herauszubekommen, ob er einen falschen Weg eingeschlagen hat, um die Aufgabe zu lösen.

Nehmen wir an, Sie säßen in der Schulverwaltung und die Wähler beklagen sich über zu hohe Steuern wegen der hohen Kosten der Schulen. Die Lehrergewerkschaft fordert höhere Gehälter und kleinere Klassen. Die Eltern sorgen sich um katastrophale Testergebnisse bei den Kindern. Die Zeitungen kritisieren altmodische Lehrmethoden, überalterte Lehrbücher und Sicherheitsprobleme in den Schulen. Widerspenstige Schüler stören den Unterricht und passen nicht auf. Lehrer unterrichten Dinge, die nicht im Lehrplan stehen oder, gar noch schlimmer, drängen den Schülern ihre private Meinung auf.
Das klingt nach einer schweren Herausforderung. Aber es ist ganz einfach, all diese Probleme zu lösen, den Steuerzahler zu beschwichtigen und der Regierungspartei zur Wiederwahl zu verhelfen: Hightech!

Auch die vollgestopften Klassenzimmer werden auf den neuesten Stand gebracht. Die Schulbänke werden durch Einzelkabinen mit bequemen Stühlen und Multimedia-Bildschirmen ersetzt. Ohne Störung von außen können sich die Schüler voll und ganz auf das pädagogisch wertvolle kreative Lernprogramm konzentrieren, das die Software abspult. Gut von einander abgeschirmt, werden die Schüler einander kaum noch sehen - womit auch ganz geschickt alle Probleme mit der Disziplin im Klassenzimmer beseitigt sind.

Was man an Lehrern, am Luxus eines Kunstunterrichts oder an Exkursionen in die Natur spart, gleicht die Kosten für die Computer ohne weiteres aus. Mit ein wenig Anstrengung könnte man mit dem elektronischen Unterricht sogar Profit machen. Sponsoren, die ihre Werbebotschaft liebend gern an die noch leicht beeinflussbaren Schüler bringen wollen, würden ganze Computersysteme finanzieren, um ihre Produkte in den Lernprogrammen zu platzieren.

Man braucht sich also nur der Zukunft zu verschreiben: der elternfreundlichen, Steuer senkenden, Lehrer einsparenden, interaktiven und kinderzentrierten Cyberschule, einer Schule ohne stickige Klassenzimmer, streikende Lehrer, überholte Lehrbücher, teurer Klarinetten-Stunden, langweilige Hausaufgabe und vor allem ohne Lernen.
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2. Kapitel: "Was noch alles gegen Computer zu sagen ist"

Technologen wollen uns weismachen, daß sie die Zukunft fest im Griff haben, wenn sie hell begeistert von "intelligenten" Suchmaschinen, Shopping im Internet oder computergestütztem Unterricht schwärmen. Die Journalisten schenken dem Glauben: Für Interviews über das Leben in den nächsten Jahrzehnten suchen Sie sich gern Bosse von Computerfirmen.

Es ist so gut ist sicher, daß die Welt im Jahr 2100 immer noch Installateure brauchen wird. Und ich kann mir nicht vorstellen, daß die Verstopfung der Toilette per Mausklick auf ein Icon im Internet behoben werden wird. Wo werden die Installateure 22. Jahrhundert ihr Handwerk lernen?

Heutzutage setzt man fast jeden vor einem Computer. Mir ist es aber egal, ob meint Klempner eine phantasievolle Web-Site unterhält. Ich will, daß er weiß, wie man Rohre richtig verlegt. Wenn man jeden Studenten, sei er nun gut oder schlecht, in den Bereich "Computer" drängt und nur die Unfähigsten Klempner werden dürfen, dann werden unsere Computerprogramme noch unsere Leitungen wasserdicht sein.

Das Testen von Software ist sehr teuer, es ist zeitraubend und man weiß nicht, was dabei herauskommt - und es gerät langsam außer Mode. Heute, wo schon kleinste Veränderungen als Revolutionen angepriesen werden und wo Software von Macken, den sogenannten Bugs nur so wimmelt, scheinen die Firmen ihren neu entwickelte Software nur noch ungern zu testen.

Inzwischen haben wir uns an Software mit Fehlern gewöhnt. Als 1996 ein Mikroprozessor von INTEL mit einem versteckten arithmetischen Fehler verkauft wurde, haben viele die Chip-Produzenten angegriffen. Aber Betriebssysteme stürzen regelmäßig ab und Software ist oft nicht einmal mit sich selbst kompatibel - und wir tolerieren es, in der Hoffnung, daß alle Probleme in der nächsten Version behoben sein werden. Die Frage ist, ob ein Programm immer "in Arbeit" und daher nie fertig sein wird. Wenn dem so ist, wird das Benutzen von Computern immer kostspielig bleiben, weil wir immer ganze Scharen von Programmierern bezahlen müssen, die ständig die Fehler ihrer eigenen Produkte beheben.

Es mag sein, daß man nicht ganz aufhören wird, Software zu testen. Immer, wenn ich mich an den Computer setze, bin ich auch Software-Tester. Und immer träume ich von dem Paradies, in dem Computer nie abstürzen.

Dank der Mikroprozessoren sind selbst einfachste Geräte auf frustrierende Weise kompliziert geworden. Früher war ein Wecker ein ganz simples Ding, das jeder normale Sterbliche bedienen konnte. Heute haben wir es mit digitalen Radioweckern zu tun, aus denen fünfzehn Knöpfe und drei Schalter ragen. Ob sich wohl irgendein Elektronik-Ingenieur vorgestellt hat, daß ich das Ding um Mitternacht programmiere und um 7:00 Uhr morgens das Programm wieder lösche? Für wen hält er mich? Für einen zauseligen Professor?

Jeder Designer technischer Systeme sollte stets die These des Yale-Professors David Gelernter vor Augen haben: Die Hauptaufgabe der Technologie ist es, unsichtbar zu werden. Maschinen sollten das Leben leichter machen. Technologie mit unnötigen Funktionen und schlechtem Design existiert nur um ihrer selbst willen und wird zur Plage, anstatt eine Hilfe zu sein.

Wann hat eigentlich in das Informationszeitalter begonnen? Fing es um 1980 mit den ersten PCs an? Oder schon 1964 als Marshall McLuhan zum ersten Mal diesen Begriff benützte? Lebten wir schon Oktober 1929 im Informationszeitalter, als es innerhalb weniger Minuten rund um den Globus zum Zusammenbruch der Börsen kam? Begann das Informationszeitalter am 24. Mai 1844, als Samuel Morse ein erstes Telegramm mit der Botschaft "What hath God wrought?" von Washington nach Baltimore schickte? Und was ist mit 1733 ...?
Ich behaupte, wir haben schon immer im "Informationszeitalter" gelebt. Aber erst seit neuestem haben sich die Technokraten in arroganter Weise zu den Hohen Priestern der neuen Weltordnung erklärt.

Man muß immer bedenken, daß Software nichts als eine ausgeklügelte Folge von Anweisungen ist. Auch die hochgezüchtetsten Computerprogramme sind nur ein Haufen logischer Anweisungen, die von den Programmierern auf den letzten Drücker geschrieben wurden, gelegentlich undokumentiert sind und trotzdem die genaueste Einhaltung der Regeln fordern.
Wenn es ihnen leicht fällt, die Denkanweisungen eines Komitees in Redmond, Washington, zu verstehen, dann werden sie auch mit der neuesten Version von Windows gut klarkommen. Aber manche Menschen tun sich schwer, sich streng an die Denkanweisungen zu halten, und blockieren dann die Hotlines.

Aus einigen Gründen meinen Bibliothekare - sorry: Informationsexperten -, daß die Bibliothek ihre Aufgabe nicht gut erfüllt, wenn sie nicht einen Haufen elektronischen Kram und eine prunkvolle Website anbietet. Auf Dutzenden von Sitzungen der American Library Association ging es darum, wie man Bibliotheks-Websites gestaltet. Ist das gut für die Sponsoren? Oder für die Geldgeber in den Kommunen? Oder lockt es hauptsächlich Internet-Surfer an, die weit weg leben, nie in die Bibliothek kommen werden und nur selten Bücher lesen.

Ich kann mir kaum einen wirkungsvolleren Weg vorstellen, um Bibliotheken zum Verschwinden zu bringen. Mit Bücherverbrennungen würde das nicht gelingen, das haben Fanatiker, Zensoren und Diktatoren schon jahrhundertelang versucht und sind damit gescheitert. Auch per Regierungsanordnung kann man Bibliotheken nicht schließen dafür sind sie vor Ort zu beliebt. Nein: Der beste Weg zur Eliminierrung unserer Bibliotheken ist, die Bücherei in entfernte Magazine zu schaffen, die Bibliothekare durch simple Informationsexperten zu ersetzen und an Stelle der Bücherregale funkelnde Workstations aufzustellen.

Zudem kann man sagen, daß viele Programme inzwischen ausgereift sind. Es gibt keinen großen Bedarf für eine revolutionäre neue Textverarbeitung, und es ist gar nicht so einfach, über ein paar neue Funktionen einer Tabellenkalkulation in Entzücken zu geraten.

Unser eigener Verfall - und der aller Lebewesen - vollzieht sich auch ohne Plan. Warum sollte das bei Computern anders sein? Vielleicht erklärt das, warum die häufigsten "Informationen" im Internet Geburtsanzeige ("Diese Seite ist gerade im Aufbau begriffen") und Todesanzeigen ("Error 404: file not found") sind.

Ob Schüler wirklich keine anständigen Jobs finden werden, wenn Sie sich nicht mit dem Internet auskennen? Ich glaube, die meisten Firmen stellen weit lieber Bewerber ein, die Probleme auf kreative Weise lösen, mit Kunden und Kollegen gut umgehen können und eine Fremdsprache sprechen - von Pünktlichkeit, Ausdauer, Ehrlichkeit und Arbeitsethik ganz zu schweigen. All das sind Dinge, die man nicht im Internet lernen kann.

Was soll nun also mit einem noch funktionierenden, aber veralteten Computer geschehen? Wenn ich meinen 10 Jahre alten Macintosh anschaue, merke ich ,daß der alte Kasten mir ans Herz gewachsen ist. Von ökologischen Erwägungen ganz abgesehen, könnte ich es nicht übers Herz bringen, meinen guten Freund in den Müllcontainer zu werfen. Für ein letztes Mal starte ich den alten Mac und schaute zu wie das Betriebssystem wach wurde. Nach einigen Minuten tauchte der vertraute Bildschirmschoner auf: eine idyllische Animation mit drei Fischen die über den Monitor schwammen. Diese ganz grob gezeichneten Tiere in Schwarz und Weiß sollten verhindern, daß sich ein Bild in dem Bildschirm einbrennt.
Fische! Das ist der Clou! Was ist, wenn aus meinem alten Mac ein Aquarium wird? Eine schnelle Recherche im Internet, und schon hatte ich die Baupläne für Andy Inhatkos MacAquarium vor Augen. Andy, ein verrückter und völlig respektloser Mac-Fanatiker, kennt die Freuden im Umgang mit Computern, und gelegentlich verwandelt er Computer in Aquarien.
Also investierte ich 10 Dollar in ein paar Glasscheiben, Silicondichtmasse und eine Box mit Heftpflaster. Zuerst muß man die Elektronik entfernen, die Kathodenstrahlröhre und einige Plastikteile. Nach einigen Nachmittagen mit Schneiden, Anpassen und Einzementieren von Glas hatte ich zwei zerschnittene Finger und ein funktionierendes Aquarium.
Mein Mac, einst als beigfarbener Toaster belächelt, erlebt seine Wiedergeburt als 10-Liter-Fischbehälter. Ein wenig Kies und eine Belüftung machten die Illusion vollkommen: Jetzt leben drei glückliche Goldfische in meinem 10 Jahre alten System. Sie geben ein viel realistischeren Eindruck von Fischen ab als jeder Bildschirmschoner.
Und was mache ich mit meinem alten PC von IBM? Ich habe den Deckel abmontiert, Hauptplatine und Laufwerke ausrangiert, die Löcher versiegelt und auf Dichtheit geprüft. Als er dann wie ein ganz gewöhnlicher 15 Zentimeter tiefer Behälter aussah, habe ich ihn in den Flur gestellt, mit Katzensand gefüllt: als Hightech- Katzenklo!
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Im Grunde sprechen alle diese Zitate für sich. Ich werde allerdings, wie oben angekündigt, nach und nach persönliche Kommentare dazu Einfügen. Wer weitergehende Informationen zu diesem Buch sucht, dem habe ich nachfolgend 2 Links zu weiteren Kommentaren angefügt.
Telepolis: Computer raus aus den Schulen? Hans-Arthur Marsiske 30.03.2001
Telepolis: Mit Computern und Internet geht es uns wie bei einem Teufelspakt Michael Langer 27.02.2001 Ein Gespräch mit Clifford Stoll, der in seinem neuesten Buch für das "LogOut" plädiert

Nicht ganz zum Buch passend, aber zum Thema ist dieser Artikel von Telepolis.

Aber nicht nur Clifford Stoll vertritt eine solche Meinung, auch Joseph Weizenbaum hat dazu kontroverse Äußerungen gemacht.

Über die vermeintliche neue Kultur des Wissens oder die Lernform mittels "Copy and Paste".

Kontroverse Diskussionen zum Thema Computer in der Schule.

Eine ganz tolle Studie zum Thema Computer an Schulen hat die Universität Hannover veröffentlicht. Danach kann ich nur sagen: Hoffentlich wird Clifford Stoll's Vision nie Wirklichkeit. Unsere armen Kinder als Versuchskaninchen profilneurotischer Technokraten.
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© Matthias Antoni 1999, 2000, 2001, 12.07.2001